Lehrmeister in politischer Strategie

Für viele aus der Generation, die in den 1970er Jahren der damals beachtlich aktiven Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der heimischen Sozialdemokratie angehörten, war er ihr Lehrmeister in politischer Strategie. Fast 30 Jahre berufliche Tätigkeit für die Industriegewerkschaft Metall (IGM) und 15 Jahre ehrenamtliches Engagement als Stadtvertreter sind zwei Stationen, die den Lebenslauf von Werner Franke bestimmt haben. Vor zwei Jahrzehnten – am 1. August 2006 – ist der am 2. August 1928 in Dresden geborene Gewerkschaftler und Sozialdemokrat verstorben. Lippstadt am Dienstag, 27. November 1984: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an Werner Franke durch die seinerzeitige Vizelandrätin Elisabeth Kuppert (1923-2011). Links im Bild Renate Franke (1928-2006), die gemeinsam mit ihrem Ehemann im August 2003 auf Vorschlag des Lippstädter SPD-Ortsvereins mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet wurde.

Werner Franke verstarb vor 20 Jahren

Lippstadt am Samstag, 11. März 2006:
Als Anerkennung seines Engagements für die  Arbeiterbewegung in der Region von Lippstadt wurde der einstige Vormann der SPD-Fraktion im örtlichen Stadtrat und Erste Bevollmächtigte der Industriegewerkschaft Metall in Lippstadt, Werner Franke (links), wenige Wochen vor seinem Tod für seine über 45jährige SPD-Mitgliedschaft durch den damaligen Vorsitzenden des Lippstädter SPD-Ortsvereins, Hans Zaremba, geehrt.
Archiv-Foto: Karl-Heinz Brülle

Gewerkschaftsarbeit

Noch vor Gründung der DDR zog Werner Franke im Alter von 18 Jahren von Sachsen nach Lippstadt. Im Jahr 1949 baute er in seiner neuen Heimat die Gewerkschaftsjugend der Metaller auf und war für sie bis 1958 aktiv. Es dauerte nicht lange, bis sich der Gewerkschaftler im Betriebsrat bei der Rothen Erde für seine Kolleginnen und Kollegen einsetzte. Die Wahl zum Vorsitzenden der Vertretung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens der heutigen Thyssen-Gruppe an der Beckumer Straße war in 1954 die Folge seiner erfolgreichen Tätigkeit als Betriebsrat. Parallel wuchs die Einflussnahme von Werner Franke in der IGM, die ihn zunächst zum ehrenamtlichen Zweiten Bevollmächtigten berief und zum 1. Januar 1963 als hauptamtlichen Sekretär anstellte. Schon bald gehörte er zu den prägenden Köpfen der Gewerkschaften in der Region von Lippstadt. Aus dem einstigen Fachmann für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit wurde in seiner neuen Funktion rasch ein Experte für das Arbeits- und Tarifrecht. Von 1981 bis zum Eintritt in die Rente in 1991 war er Erster Bevollmächtigter der IGM in Lippstadt. Als Mitglied der Vertreterversammlung der LVA (Landesversicherungsanstalt) und alternierender Vorsitzender im Vorstand der örtlichen AOK (Allgemeine Ortskrankenkasse) wurde er zudem zum gefragten Gesprächspartner für das Gesundheitswesen und Rentenrecht.

Kommunalpolitiker

Werner Franke zog noch in der Ära des langjährigen Bürgermeisters Jakob Koenen (1907-1974) in den Stadtrat ein. Er gehörte zum Beginn seiner Mitwirkung im Stadtparlament jener SPD-Fraktion an, die bei der Kommunalwahl am Sonntag, 27. September 1964, die absolute Mehrheit der Mandate erzielte. Zugleich wurden mit ihm auch Hermann Schuchtrup (1928-1995), Geschäftsführer der Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) im Kreis Lippstadt, und Engelbert Sander (1929-2004), Erster Bevollmächtigter der örtlichen IGM, zwei weitere hauptamtliche Gewerkschaftler in die Ratsversammlung gewählt. Dies dokumentierte die starke gewerkschaftliche Prägung der Lippstädter SPD in den 1960er Jahren. Zurück zu Werner Franke: In der Kommunalpolitik avancierte er rasch zum Kenner der örtlichen Sozial- und Jugendpolitik und wurde Vorsitzender des städtischen Jugend- und Sozialausschusses. Sein breites Wissen und seine Fähigkeiten, politische Prozesse rechtzeitig zu erkennen, sie in ein Konzept zu bündeln und Menschen zusammenzubringen, führten ihn nach der ersten Ratswahl nach der Gebietsneuordnung vom 1. Januar 1975 im Mai 1975 in das Amt des Vorsitzenden der aus 20 Mitglieder bestehenden SPD-Ratsfraktion. Er war das Bindeglied einer Gruppe, die aus 12 Kernstadt-Sozialdemokraten und acht in den dörflichen Ortsteilen beheimateten Sozis existierte. Zunehmende berufliche Belastungen zwangen Werner Franke in 1978, sich vom Fraktions-Vorsitz wieder zu lösen und im Zuge der Kommunalwahl im Herbst 1979 ganz aus dem Stadtrat auszuscheiden. Doch seine Empfehlungen und Kenntnisse waren bis zu seinem Tod für die SPD weiter von Bedeutung

Hans Zaremba