Keiner war so lange Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen wie Johannes Rau (1931-2006). Der SPD-Politiker übte dieses Amt von 1978 bis 1998 aus. Von 1999 bis 2004 war er der achte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Vor 20 Jahren – am Freitag, 27. Januar 2006 – ist der Mann, der von vielen Menschen aufgrund seines evangelischen Glaubens auch als „Bruder Johannes“ bezeichnet wurde, verstorben. Mit diesem Beitrag erinnert Rote Lippe Rose an das Wirken von Johannes Rau und seine sechs Besuche, zu denen er nach Lippstadt gekommen war.
Sechsmal war „Bruder Johannes“ in Lippstadt

Mit Johannes Rau (rechts) warb Karl-Heinz Brülle, der in 1985 erstmals in den Landtag eingezogen war, erfolgreich um seine Wiederwahl in das Landesparlament.
Wahlmagnet
Der gelernte Verlagsbuchhändler war von 1958 bis 1999 Mitglied des Landtages in Düsseldorf. Nach seiner Zeit als ehrenamtlicher Oberbürgermeister in seiner Geburtsstadt Wuppertal (1969 bis 1970) wurde Johannes Rau in 1970 Wissenschaftsministers im von Heinz Kühn (1912-1992) geleiteten SPD/FDP-Kabinett. Am Mittwoch, 20. September 1978, folgte die Wahl zum Ministerpräsidenten. Mit Johannes Rau als Spitzenkandidaten holte die SPD bei den Landtagswahlen in 1980, 1985 und 1990 dreimal die absolute Mehrheit. Von seiner großen Anziehungskraft profitierten in 1985 in den Wahlkreisen der heimischen Region die SPD-Landtagskandidaten im Altkreis Soest, Brigitta Heemann (Soest), und im Altkreis Lippstadt der Lippstädter Karl-Heinz Brülle sowie im benachbarten Altkreis Beckum (heute Teil des Kreises Warendorf) der spätere hauptamtliche Ahlener Bürgermeister Günter Harms. Alles Wahlkreise, die von der SPD zuvor nicht direkt gewonnen werden konnten. Die Erfolge von Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen werteten seine Bedeutung in der SPD-Bundespartei auf. Sie verschafften ihm, der im April 1982 zum Vizevorsitzenden der Bundes-SPD aufgestiegen war, die Aufgabe als SPD-Kanzlerkandidat bei der Bundestagwahl am Sonntag, 25. Januar 1987. Die Niederlage von Johannes Rau gegen den Kanzler Helmut Kohl (1930-2017) mit glatten 37 Prozent für die SPD schadeten seiner Popularität kaum.
1978
Der erste Besuch von Johannes Rau in Lippstadt erfolgte am Dienstag, 30. Mai 1978. Dazu war er als SPD-Landesvorsitzender und im Zuge der Kontaktpflege mit der Parteibasis an die Lippe gereist. Unter anderem vor dem Hintergrund, sich als potentieller Nachfolger des Ministerpräsidenten Heinz Kühn zu empfehlen. Zuvor waren ebenso seine damaligen SPD-internen Mitbewerber für die Funktion des Regierungschefs zwischen Rhein und Weser, die Landesminister Diether Posser (1922-2010) im November 1977 und Friedhelm Farthmann (1930-2024) im April 1978, zu ähnlichen Terminen der Sozis in Lippstadt erschienen.

Dazu konnte der Bundestagsabgeordnete Engelbert Sander (Mitte) den Ministerpräsidenten Johannes Rau auf der Rathaustreppe in Lippstadt begrüßen.
Archiv-Fotos (2): Sammlung Hans Zaremba
1983
Als Johannes Rau am Freitag, 25. Februar 1983, im damaligen Bundestagswahlkampf zur Unterstützung des örtlichen Abgeordneten Engelbert Sander (1929-2004) bei dessen letzter Kandidatur für das Bonner Parlament in Lippstadt eingetroffen war, hatten sich zur Kundgebung mit ihm auf dem Rathausplatz rund 800 Zuhörerinnen und Zuhörer eingefunden. Eine beachtliche Zahl für einen kalten Winternachmittag. In seiner 20 Minuten umfassenden Ansprache griff der Redner die in 1983 spürbare wirtschaftliche Rezession und seinerzeitige Abrüstungsinitiative des SPD-Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel (1926-2020) auf. Und am Dienstag, 18. Oktober 1983, weilte der Ministerpräsident Johannes Rau mit der gesamten Landesregierung zu einer Kabinettssitzung im Lippstädter Rathaussaal. Dabei erläuterten die Repräsentanten der Stadt Lippstadt die Probleme der größten Kommune im heimischen Kreisgebiet, speziell den immer noch fehlenden Ausgleich für den durch die Gebietsneuordnung vom 1. Januar 1975 an die Stadt Soest verlorenen Kreissitz.
1989
Erneut diente bei der nächten Lippstadt-Visite von Johannes Rau – am Samstagvormittag, 9. September 1989 – die Rathaustreppe als Bühne für den Auftritt des Ministerpräsidenten bei der Kampagne der Sozialdemokraten für die am Sonntag, 1. Oktober 1989, anberaumten Wahlen des Stadtrates und Kreistages. Diesmal galt die Unterstützung des „Landesvaters“ speziell Eike Hovermann (Overhagen) im Wettbewerb für die Bürgermeisterschaft in Lippstadt und Egbert Teimann (Welver) in der Konkurrenz um das Landratsamt im Soester Kreishaus. Übrigens: Beide Funktionen wurden im Jahr 1989 noch ehrenamtlich ausgeübt.
1998
Die letzte Stippvisite von Johannes Rau in Lippstadt fand am Montag, 14. September 1998, statt, als er zur Unterstützung des Bundestagsabgeordneten Eike Hovermann zu einer Kundgebung in die Lange Straße gekommen war. Überliefert sind von dieser Veranstaltung aus der örtlichen Tageszeitung die Worte des stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden zur Stimmungslage in Deutschland: „Die Regierung ist hilflos, ein Politikwechsels überfällig.“ Dieser trat am Sonntag, 27. September 1998, mit dem Sieg der rot-grünen Opposition ein. Und Eike Hovermann gewann dabei zum ersten Mal in der Historie der heimischen SPD bei einer Bundestagswahl für seine Partei das Direktmandat im Wahlkreis Lippstadt-Soest.
Hans Zaremba


