Geschichte und Gegenwart

Während in den benachbarten Kommunen – in Anröchte und Wadersloh – mit besonderen Treffen an die infolge der Gebietsreform des Jahres 1975 geschaffenen neuen Gebietskörperschaften erinnert wurde, war in Lippstadt dazu eine Fehlanzeige zu notieren. Das verwundert schon. Immerhin erweiterte sich zum 1. Januar 1975 durch die Zurodnung etlicher ländlicher Orte die Fläche von Lippstadt von 29,82 auf 113,3 Quadratkilometer und die Einwohnerzahl wuchs von zirka  44.000 auf rund 67.000 an. Das rief den Verein zur Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung in der Region auf den Plan, in der Betrachtung der Vorgänge von vor fünf Jahrzehnten im Nicolaiforum in Lippstadt eine eigene öffentliche Veranstaltung anzubieten.

50 Jahre nach der kommunalen Neuordnung

Lippstadt am Dienstag, 6. Mai 2025 (I):
Mit Wolfgang Marcus aus Bad Westernkotten (links) und Wilfried Jäger aus Anröchte nahmen zwei Zeitzeugen der Ereignisse des Jahres 1975 an dem kurzweiligen Dialogabend im schmucken Begegnungszentrum an der Cappelstraße teil.

Gute Reform

Das vom Hörfunkjournalisten Marco Zaremba aus Wadersloh geleitete Gespräch offenbarte, dass einige Wunden aus der Neuordnung, die vor 50 Jahren zur Bildung des heutigen Kreises Soest mit der Einbuße des Kreissitzes für Lippstadt entstanden waren, noch nicht gänzlich verheilt sind. In dem Forum zeigte Wolfgang Marcus, einst Ortsvorsteher von Bad Westernkotten, die wesentlichen Gründe für die Neugestaltung der Strukturen der Gemeinden, Städte und Kreise in Nordrhein-Westfalen auf. Vor den Umbildungen bestanden zwischen Rhein und Weser sechs Regierungsbezirke mit 38 kreisfreien Städten und 57 Landkreisen. Zu ihnen gehörten 294 Ämter mit 1877 amtsangehörigen Gemeinden sowie 450 amtsfreie kreisangehörige Gemeinden. Nach Abschluss der in Düsseldorf verfügten Veränderungen zum 1. Januar 1975 verblieben fünf Regierungsbezirke mit 23 kreisfreien Städten und 31 Landkreisen mit insgesamt 396 Kommunen. Der pensionierte Lehrer des Evangelischen Gymnasiums in Lippstadt bezeichnete die speziell in den kleineren Gemeinden von vielen Aufregungen begleiteten Schritte als eine „gute Reform“. Sie eröffneten den neuen Gebietskörperschaften vor allem bessere Bedingungen für eine sinnvollere Raumplanung, was der frühere Erwitter Ratsherr vor dem Hintergrund seiner Heimatstadt mit den dortigen 15 Ortschaften erklärte. Ebenso schaute der zweite Zeitzeuge der Geschehnisse in 1975, der Anröchter Wilfried Jäger, ehemaliger Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, auf die Gemütsbewegungen, die vor fünf Jahrzehnten durch den Wegfall verschiedener Gemeinden hochkamen. In Anröchte habe er als junges Ratsmitglied in den ersten Jahren nach der Reform verstärkt „Fronten zwischen den Dörfern und dem Zentralort“ registriert, die es zu überwinden galt. Die Umformung war für den vormaligen Lehrer der Lippstädter Marienschule die schlüssige „Antwort auf die gesellschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit“, zu denen unter anderem zum Ende der 1960er Jahre noch verstärkt die hauptsächlich in den Bauernschaften befindlichen Zwergschulen zählten.

Lippstadt am Dienstag, 6. Mai 2025 (II):
Momentaufnahme beim Wortbeitrag des örtlichen Historikers und Hochschullehrers an der Universität in Münster, Professor Dr. Jürgen Overhoff.
Fotos (2): Hans-Joachim Danzebrink

Schmerzlicher Verlust

Nach der Einordnung von Wilfried Jäger habe man im Lippstädter Kreishaus in den 1970er Jahren nicht rechtzeitig genug auf die vom Land eingeleiteten Schritte reagiert, die schließlich zum Aus der Kreisstadt Lippstadt geführt haben. Dadurch konnte Soest im Wettbewerb um die Vergabe des Verwaltungssitzes des aus den Altkreisen Lippstadt und Soest zu bildenden Großkreises wertvolle Punkte einsammeln. Die Lippstädter Erwartungen, sich durch das in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre errichtete neue Kreisgebäude an der Lipperoder Straße einen Vorteil zu verschafft zu haben, blieben wirkungslos. Die Einbuße des seit 1817 in den Gemäuern von Lippstadt bestehenden Kreissitzes mit der Gründung des Großkreises Soest nannte der örtliche Ratsherr Hans Zaremba einen „schmerzlichen Verlust“. In der Folge seien aus der größten Stadt im neuen Kreisgebiet weitere bedeutende Institutionen abgewandert. So die Kreisstelle der Landwirtschaftskammer und die Schule für den bäuerlichen Berufsstand. Ein Nachteil von Lippstadt im Ringen um den Kreissitz sei seine Randlage zu den Nachbarkreisen Beckum, Wiedenbrück und Paderborn gewesen. Versuche des seinerzeitigen Stadtdirektors Friedrich Wilhelm Herhaus (1927-2014), für Lippstadt durch die von ihm favorisierten Eingemeindungen von Mastholte und Westenholz zusätzliches Terrain zu verschaffen, waren ebenso gescheitert, wie die im Zuge der Reform von 1975 neu aufgestellte Gemeinde Wadersloh in einen Großkreis Lippstadt aufzunehmen.

Gewinn für Lippstadt

Zudem berichtete der Lippstädter Sozialdemokrat über die Perspektiven, die Lippstadt nach der Neuordnung mit der Einstufung als größere kreisangehörige Stadt eröffnet wurden. Dazu hob er das in 1995 geschaffene und zuvor lange von CDU und FDP im Verbund mit der damaligen Verwaltungsspitze im Stadthaus abgelehnte Stadtjugendamt hervor „Alles, was in Lippstadt danach in der Sozialpolitik entfaltet wurde, wäre in der Verantwortung des fernen Soester Kreishauses nicht möglich gewesen“, sagte er mit Blick auf die Zentren „Mikado“ und „Treff am Park“ sowie die landesweit vorbildlichen Quoten für die Betreuung von Kindern in den Tagesstätten. Einig war man sich auf dem Podium, die sich bietenden  Chancen für interkommunale Zusammenarbeit konsequent zu nutzen.

Karl-Heinz Tiemann